Es dämmert am 12. Februar 2020

Was keiner wagt

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt,
das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr´s sagen.
Wenn keiner nein sagt,
sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.

Konstantin Wecker/Lothar Zenetti

Sage nein

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
wieder Nazi-Lieder johlen,
über Juden Witze machen,
über Menschenrechte lachen,
wenn sie dann in lauten Tönen
saufend ihrer Dummheit frönen,
denn am Deutschen hinterm Tresen
muß nun mal die Welt genesen,
dann steh auf und misch dich ein:
Sage nein!

Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
die Geschichte wieder richtig,
faselt von der Auschwitzlüge,
leider kennt man´s zur Genüge –
mach dich stark und misch dich ein,
zeig es diesem dummen Schwein:
Sage nein!

Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
ob du sechs bist oder hundert,
sei nicht nur erschreckt, verwundert,
tobe, zürne, misch dich ein:
Sage nein!

Und wenn aufgeblasne Herren
dir galant den Weg versperren,
ihre Blicke unter Lallen
nur in deinen Ausschnitt fallen,
wenn sie prahlen von der Alten,
die sie sich zu Hause halten,
denn das Weib ist nur was wert
wie dereinst – an Heim und Herd,
tritt nicht ein in den Verein:
Sage nein!

Und wenn sie in deiner Schule
plötzlich lästern über Schwule,
schwarze Kinder spüren lassen,
wie sie andre Rassen hassen,
Lehrer, anstatt auszusterben,
Deutschland wieder braun verfärben,
hab dann keine Angst zu schrein:
Sage nein!

Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
ob du sechs bist oder hundert,
sei nicht nur erschreckt, verwundert,
tobe, zürne, misch dich ein:
Sage nein!

Sag nein!
Sag nein!
Sag nein!

Nur dafür laßt uns leben!
 

Daß dieser Mai nie ende! 
Ach Sonne, wärm uns gründlich! 
Wir haben kaum noch Zeit, 
die Welt verbittert stündlich.

Daß dieser Mai nie ende 
und nie mehr dieses Blühn –
wir sollten uns mal wieder 
um uns bemühn.

Uns hat die liebe Erde 
doch so viel mitgegeben. 
Daß diese Welt nie ende, 
daß diese Welt nie ende 
nur dafür laßt uns leben!

 Noch sind uns Vieh und Wälder 
erstaunlich gut gesinnt, 
obwohl in unsern Flüssen 
schon ihr Verderben rinnt.

Auch hört man vor den Toren 
die Krieger schrein. 
Fällt uns denn außer Töten 
schon nichts mehr ein?

Uns hat die liebe Erde 
doch so viel mitgegeben. 
Daß diese Welt nie ende,
daß diese Welt nie ende –
nur dafür laßt uns leben!
 
Wie schön, der Lust zu frönen! 
Es treibt der Wein. 
Der Atem einer Schönen 
lullt mich ein.

Daß dieser Mai nie ende 
und Frau und Mann, 
ein jedes, wie es will, 
gedeihen kann!

Uns hat die liebe Erde 
doch so viel mitgegeben. 
Daß diese Welt nie ende, 
daß diese Welt nie ende –
nur dafür laßt uns leben!

Lautstark

Es sind nicht immer die Lauten stark, 
nur weil sie lautstark sind. 
Es gibt so viele, denen das Leben 
ganz leise viel echter gelingt.

Die stehen nicht auf Bühnen,
füllen keine Feuilletons. 
die kämpfen auf schwereren Plätzen. 
Die müssen zum Beispiel in Großraumbüros 
sich der Unmenschlichkeit widersetzen.

Die schützt kein Programm, kein Modedesign. 
Die tragen an sich etwas schwerer. 
Die wollen ganz einfach nur anständig sein 
und brauchen keine Belehrer.

Die schreiben nie Lieder. 
Die sind Melodie. 
So aufrecht zu gehen, 
lerne ich nie.

Es dämmert am 12. Januar 2020

Worte von Dietrich Bonhoeffer
Worte aus anderer Zeit
Worte voller Hoffnung und Vertrauen
 

Von nun an?

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert« –dieses Sprichwort, das sich in den verschiedensten Ländern findet, entspringt nicht der frechen Weltklugheit eines Unverbesserlichen, sondern hier enthüllt sich tiefe christliche Einsicht. Wer an der Jahreswende nichts Besseres zu tun weiß, als sich ein Register begangener Schlechtigkeiten anzulegen und den Beschluss zu fassen, von nun an – wie viele solche »von nun an« hat es schon gegeben! – mit besseren Vorsätzen anzufangen, der steckt noch mitten im Heidentum. Er meint, der gute Vorsatz mache schon den neuen Anfang, d. h. er meint, er könne von sich aus einfach einen neuen Anfang machen, wann er es gerade wolle. Und das ist eine böse Täuschung; einen neuen Anfang macht allein Gott mit dem Menschen, wenn es ihm gefällt, aber nicht der Mensch mit Gott.
Einen neuen Anfang kann der Mensch darum überhaupt nicht machen, sondern er kann nur darum beten. Wo der Mensch bei sich selbst ist und aus sich heraus lebt, da ist immer nur das Alte, das Vergangene. Allein wo Gott ist, ist das Neue und der Anfang und Gott kann man nicht kommandieren, man kann um ihn nur beten. Aber beten kann der Mensch nur, wenn er begreift, daß er etwas nicht kann, daß er an seiner Grenze ist, daß ein anderer anfangen muß.

»Er weckt mich alle Morgen«

Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unsers.
Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes. Der heutige Tage ist die Grenze unsers Sorgens und Mühens (Matthäus 6, 34; Jakobus 4, 14). Er ist lang genug, um Gott zu finden oder zu verlieren, um Glauben zu halten oder in Sünde und Schande zu fallen.
Darum schuf Gott Tag und Nacht, damit wir nicht im Grenzenlosen wanderten, sondern am Morgen schon das Ziel des Abends vor uns sähen. Wie die alte Sonne doch täglich neu aufgeht, so ist auch die ewige Barmherzigkeit Gottes alle Morgen neu (Klagelieder 3, 23). Die alte Treue Gottes allmorgendlich neu zu fassen, mitten in einem Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott mit jedem neuen Morgen macht. …
Nicht die Angst vor dem Tag, nicht die Last der Werke, die ich zu tun vorhabe, sondern der Herr »weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr daß ich höre wie ein Jünger«; so heißt es vom Knecht Gottes (Jesaja 50, 4). Bevor das Herz sich der Welt aufschließt, will Gott es sich erschließen, bevor das Ohr die unzähligen Stimmen des Tages vernimmt, soll es in der Frühe die Stimme des Schöpfers und Erlösers hören. Die Stille des ersten Morgens hat Gott für sich selbst bereitet. Ihm soll sie Gehören.

Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, –
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;
noch will das alte unsre Herzen quälen
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern,
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.